Die alten Zeiten

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Heute möchte ich euch auf eine kleine Reise mitnehmen.
Eine Reise in die Realitäten eines PC/Konsolenspielers und Internetnutzers der 1990er Jahre.

Wir haben uns damals mit Dingen herumgeschlagen, die man sich heute, in Zeiten von Smartphones, LTE-Versorgung, Terabytegroßen Festplatten und Porno-Tube Webseiten vermutlich gar nicht mehr vorstellen kann.

Aber nicht alles war schlecht...

Ja, ich möchte heute etwas in die Nostalgie eintauchen und euch mitnehmen - Themenfremd, ganz ohne Fotografie - damit sollte ich nämlich erst über 10 Jahre später anfangen.

Ich war 13 und nannte eine Playstation (1) mein Eigen, die ich zusammen mit zwei meiner Geschwister für DM 249,- gekauft hatte.

Außerdem war es die Zeit, in der ich einen PC und später ein 33,6'er Modem bekam.

Auf beiden Systemen spielte ich gerne.

Der Kaufgrund für die Playstation war, dass man frei von Installationsroutinen, Treiberproblemen und dem teuren Aufrüsten eines PC war - man hat das Spiel gekauft, es eingelegt und gespielt.

Keine Updates, wenig Bugs, keine Accounts, keine Lizenzen - einfach Spielen.

Multiplayer gab es nur, wenn man einen zweiten Controller angeschlossen hat - da wurde dann im Splitscreen auf dem Röhrenfernseher im Keller gedaddelt - mit ordentlich Cola und Kartoffelchips.

Ich erinnere mich noch daran, dass meine Oma alle paar Stunden den Raum betrat und befand, dass "hier dringend mal das Fenster aufgemacht" werden müsse.

Kam man bei einem Spiel nicht weiter, gab es keine Youtube Videos zum Anschauen.
Lösungsbücher gab es nur für manche Spiele oder man hatte Glück und eine der Spielezeitschriften hatte zu dem Spiel irgendwann einen passenden Artikel geschrieben.
die konnte man sich noch als Hilfe kaufen.

Im Laden, versteht sich.

Auf dem Schulhof konnte man noch Leute fragen, die das Spiel auch spielten. 

Das war's an Hilfe.

Und auch das ging irgendwie. 

Überhaupt hatte ich recht selten neue Spiele - die kosteten für den PC damals 80-90 DM, für die Playstation 90-100 DM.

Das bedeutet, dass es im Grunde maximal drei Gelegenheiten im Jahr gab, wo man als Schüler (vielleicht) mit einem neuen Spiel rechnen konnte:

  • Geburtstag
  • Ostern
  • Weihnachten

Sonst konnte ich mich außer der Reihe noch in der sogenannten Playstation Platinum-Reihe bedienen. Das waren dann ältere Spiele die günstiger waren (30 oder 60 DM).

Das führte dann dazu, dass ich die wenigen Spiele, die ich hatte praktisch bis zum letzten durchspielte.

Aber natürlich bestand mein Spielerdasein damals nicht nur aus der heißgeliebten Playstation.

Ich hatte auch einen halbwegs modernen PC bekommen.
Der war eigentlich "für die Familie" gedacht.
Er stand aber in meinem Zimmer und ich war der einzige, der sich damit auskannte.

Also war es meiner.

Es handelte sich um eine AMD-CPU mit 233 MHz, 32MB RAM (MEGAbyte, nicht Gigabyte) einer 2 GB großen Festplatte und einem Röhrenmonitor.
Die Grafikkarte war irgendeine Entschuldigung von S3 mit der Bezeichnung "Savage".
Den Rechner gab es als Angebot beim ProMarkt.

Spielerisch war damit kein Blumentopf zu gewinnen - auch damals nicht.
Auch wenn das Teil besser war als mein 486'er...

Ich hatte später, zu Ostern, von meinen Großeltern eine Videobeschleunigerkarte geschenkt bekommen, die hatte ich mir gewünscht.
Man baute die zusätzlich zur Grafikkarte ein, verband die miteinander und dann ging grafisch richtig die Post ab.
Das heutige SLI bzw. CrossFire-Verfahren funktioniert ganz ähnlich.

Ich musste das Teil allerdings wieder verkaufen, weil meine Mutter an dem Tag krank wurde, die Karte die Bezeichnung "Voodoo" führte und das schlimme Fieber logischerweise davon gekommen sein muss.

Darüber waren sich alle einig.

Alle - außer mir.

Aber ins Internet konnte man mit dem Rechner trotzdem.
Das hatte damals auch seinen ganz eigenen Klang.

Das funktionierte seinerzeit über die Telefonleitung - quasi als Telefongespräch.
Nur, dass man nicht den besten Freund anrief sondern den Internetprovider.
Das Ergebnis waren im Grunde zwei Computer, die dann über diese Leitung miteinander sprachen.

Da wir nur eine Leitung hatten, war die Verbindung weg, wenn jemand das Telefon auch nur anfasste.
Die Leitung war besetzt, während man im Internet war.
Jemand der einen anrufen wollte, hörte das Besetztzeichen.

Handys gab es fast gar keine - schon gar nicht für Normalsterbliche, sodass man für seine Mitmenschen praktisch von der Welt abgeschnitten war, wenn man im Internet surfte.

Meine erste Amtshandlung im Internet bestand darin nach Pornos zu suchen.
Vorher kannte man das ja nur aus der letzten Ecke im Zeitschriftenkiosk.
Die ganz Harten haben die Heftchen dann vor oder nach der Schule dort geklaut.

Also: Zimmertür abgeschlossen und eine der damals zahlreichen Suchmaschinen bemüht.
Gibt es FIREBALL noch?

 Die Startseite von Yahoo Anno 1998

Die Startseite von Yahoo Anno 1998

Als nächstes waren Chatrooms dran.
Man muss sich das so vorstellen, dass man auf eine Website geht (zum Beispiel RTL.de), sich da aus einer Liste einen passenden Chatroom aussucht (zum Beispiel "Dies & Das", "Frankfurt", oder auch "Sie sucht Ihn"), und dort dann hunderte wildfremde Leute beleidigt.

Bis man rausflog - dann musste man sich einen neuen Chatroom suchen.

Überhaupt sah das Web damals ganz anders aus als heute - es gab vor allem Text.
Bilder waren selten.
Einfach weil die Verbindungen so quälend langsam waren.

Das gleichte man damals mit buntem Text und allem möglichen Schnickschnack aus.

 Die Microsoft Website - ebenfalls 1998

Die Microsoft Website - ebenfalls 1998

Dinge, die heute selbstverständlich sind, waren damals undenkbar:
Ein 30MB Patch für ein PC-Spiel herunterladen?
Mit einem 33,6'er Modem?
Science-Fiction.
Man braucht sich nur die Zahlen anschauen.
So ein Patch brauchte mindestens zwei Stunden - und auch das nur im allerbesten Fall.
In aller Regel konnte man vier Stunden einplanen, weil die Leitungen nie Störungsfrei waren.

Die Kosten durfte man dabei natürlich auch nicht vergessen.

Flatrates gab es damals nicht.
Irgendwann gab es eine Aktion der Zeitschrift "Tomorrow" welche für 77,77 DM im Monat unbegrenzten Netzzugang anbot.

Da meldeten wir uns an - und ich surfte und surfte - ließ den Rechner über Nacht laufen.

Am Ende des Monats kam die Telefonrechnung; die belief sich auf gut und gerne 600 DM.

Über die Sache gibt es einen interessanten Artikel bei heise.de

Das Angebot wurde wieder eingestellt bevor es überhaupt losging.

Das führte zu Gesprächsstoff in der Branche und in der Familie sowieso.

Jede Minute im Internet wurde abgerechnet - zum Teil mit 30 Pfennigen oder mehr.

Netterweise hatte uns der Verlag der Zeitschrift daraufhin ein günstiges Abo angeboten.
Das hatten wir dankend abgelehnt.

Was aus der Nummer letztlich geworden ist, weiß ich auch nicht.

Aber das Problem mit den Treibern, Spielen und Windowsupdates wurde anders gelöst:

Spielezeitschriften mit CD-ROM.

Dort waren neben Demos und Videos für Spiele auch diese Updates drauf.

Mit freundlicher Genehmigung von m4xfps auf twitter!

Es war im Grunde der einzige Weg da ran zu kommen, wenn man nicht vor dem Rechner verhungern und danach noch ein Gespräch mit der Schuldnerberatung führen wollte.

Die GameStar, die es heute noch gibt, war der Hauptlieferant dieser Patches und Updates.

Für die Playstation gab es "Das offizielle Playstation Magazin", dem ebenfalls eine CD mit Spieledemos beilag und das Anfang der 2000'er Jahre eingestellt wurde.

Wo wir grade von CDs sprechen, dürfen wir einen der größten Flüche der 90'er und frühen 2000'er nicht vergessen:
AOL-CDs.

AOL verteilte in PC-Zeitschriften, normalen Zeitschriften und Postwurfsendungen CD's mit deren Internetzugangssoftware.
Innerhalb weniger Tage hatte man locker 10 Stück davon zuhause, wenn man mit dem Wegschmeißen nicht hinterherkam.

10 Stunden, 20 Stunden, 50 Stunden oder 100 Stunden "gratis Internet" mit AOL.

Es war schlimmer als Ungeziefer - nach Angaben auf Wikipedia gab AOL damals USD 300.000.000,- für diese Form des Marketing aus.
Wie viele von den wertlosen Silberlingen heute in den Ozeanen als Müll schwimmen, ist leider nicht überliefert.

Über die Googlesuche nach AOL CDs finden sich viele Bilder und Artikel über dieses Brutalmarketing.

Aber bleiben wir bei den CDs.

Kurze zeit später kamen die ersten CD-Brenner in private Hände.
DM 1.000,- wollten investiert werden um, ja...im Grunde um Raubkopien von Musik-CDs und Spiele verteilen zu können.

1.000 Mark war ein Preis, den ich unmöglich aufbringen konnte.

Von den "gebrannten Spielen" für kleines Geld profitierte ich damals jedoch schon.

Ein Unrechtsbewusstsein hatte damals kaum jemand.

Munter wurden PC und Playstation Spiele aus Videotheken ausgeliehen um kopiert und verteilt zu werden.
Es hatte ein bisschen was von wildem Westen.

Kopierschutzmaßnahmen gab es praktisch gar nicht und die Rohlinge waren für wenige Mark zu haben.

Das eröffnete auch die Möglichkeit an indizierte Spiele zu kommen.
Nur indizierte Spiele waren "wirklich ab 18" auf allen anderen stand das "nur so" drauf.
Nur ganz wenige Händler kümmerten sich um die USK-Empfehlung - es war nicht verbindlich.

So kam ich z.B. an Quake III Arena, was damals als Inbegriff der Brutalität in Spielen verstanden wurde.
Fast alle, die damals spielten, spielten auch das - egal wie alt und so gut wie immer war es gebrannt.

Überhaupt galt, dass Spiele die ab 18 oder gar indiziert waren besonders reizvoll sind.

Gewissermaßen stimmte das auch.

Irgendwann kamen LAN-Parties auf.

Plötzlich musste jeder eine Netzwerkkarte haben.

Die waren zu der Zeit noch nicht in die Boards integriert, sondern mussten gesondert gekauft und eingebaut werden.

Diese Parties hatten damals ihren ganz eigenen Reiz.
Einige wenige hatten damals die ersten ADSL-Zugänge, die für damalige Verhältnisse unglaublich schnell waren.
Damit konnten mit bestimmter Software wie eDonkey, Napster, Kazaa, LimeWire usw. ganze Spiele, Musikalben und Filme in kurzer Zeit gezogen werden.

Ein Spiel mit 700 MB Größe war mit den ersten DSL-Leitungen in 2 Stunden heruntergeladen.
Dank Flatrate kostenneutral.

Mit meiner (damals neuen) ISDN-Leitung hätte das über 24 Stunden gedauert und Unsummen an Onlinegebühren gekostet.
Flatrates waren nämlich den DSL-Anschlüssen vorbehalten und diese Anschlüsse gab es in kleinen Ortschaften fast gar nicht - aber das Problem gibt es noch bis heute.

Jedenfalls war es üblich auf den LAN-Parties so ziemlich alles zur Verfügung zu stellen, was man auf seinen Festplatten hatte:
Spieleupdates, die passenden Spiele dazu, Filme, Serien, Pornos, Musik, Software.

Einfach alles.

Da es ein lokales Netzwerk war, waren die Sachen wahnsinnig schnell auf der eigenen Platte.

Ich ging irgendwann dazu über, mir einen DVD-Brenner einzubauen,
weil die Sachen nicht alle auf meiner 20 GB Platte meines (mittlerweile) neuen Rechners Platz fanden.

Einige trieben es so weit, dass sie zur 2-tägigen Party kamen, sich die Platten vollzogen um dann nach ein paar Stunden wieder abzuhauen.
Das gemeinsame Spielen war für viele nur Nebensache.

Am 26. April 2002 erschütterte die Nachricht vom Amoklauf am Erfurter Gutenberg Gymnasium die Welt.

Zu der Zeit waren vor allem Nerds Gäste dieser Parties.
Das waren auch die ersten Counter-Strike Clans.
Ein Spiel, bei dem ich nie wirklich gut war.
Aber das ist ein anderes Thema.

2001 entführten Terroristen mehrere Flugzeuge und zertsörten damit unter anderem das World Trade Center in New York.

Damals gehörte das zur Skyline von New York.
Man erkannte die Stadt an diesen Türmen.

Das war das erste Mal, ich erlebte, dass Nachrichten in großem Stil über das Internet verbreitet wurden.

Dieser Vorfall änderte die Welt für immer.

Plötzlich wollten Regierungen alles über ihre Bürger wissen und fast alle hielten das aus Angst vor Terror für gut.
Das Land bestand plötzlich aus 80 Millionen Terrorexperten.
Sondersendungen jagten Spezialberichten hinterher und es bildeten sich schon bald Verschwörungstheorien.
Auch deren größter Kanal war das Internet.

2002 war ein gewisser Herr Steinhäuser aus Erfurt der Meinung in seiner ehemaligen Schule Amoklaufen und 16 Menschen töten zu müssen.

Reportage über "Killerspiele"

Sofort waren Spieler sogenannter Killerspiele potenzielle Amokläufer.
Und waren Anfeindungen und Verdächtigungen ausgesetzt.

Seit der Zeit wurden ein paar Waffengesetze verschärft und noch wichtiger:

Die Altersbeschränkung von Spielen wurde verbindlich.
Das war, interessanterweise, eher im Fokus der Medien als das Waffenrecht, die Psyche des Täters oder sein Umfeld.

Es ging nur noch um diese Spiele als alleinige Ursache dafür, dass ein Mensch schwer bewaffnet, in eine Schule geht und tötet.

Ich hoffe, dass der Welt irgendwann klar wird, wie absurd diese Annahme ist.

Es sind schon immer Bekloppte durch die Welt gegangen und haben gemordet - lange vor den ersten Videospielen.

Leben, IMHOJoachim Lehmann